Mit Amer hat das kurzfilmerprobte belgische Regieduo Hélène Cattet und Bruno Forzani sein Langfilmdebüt abgeliefert, das seinen Lebensatem aus dem Giallo in sich aufsaugt, um ihn gleich darauf in beklemmenden, surrealen Bildern und Klängen wieder auszupusten. Kein Wirbelsturm entsteht daraus, sondern vielmehr die klirrende Kälte, wie man sie sich in einem alten Herrenhaus im Süden Frankreichs vorstellen möchte, wenn man des Nachts durch karge Gänge wandelt, und sich einer furchteinflößenden, bis zur völligen Unkenntlichkeit vermummten Hexenkreatur gegenüber wähnt.
So ergeht es nämlich der kleinen Ana, deren Großvater vor kurzem verstorben ist und der nun aufgebahrt in seinem Zimmer liegt. Die angsteinflößende Kreatur ist die Haushälterin, die sich ehemals um den alten Mann gekümmert hatte und die sich nun auch über seinen Tod hinaus mit bizarren Ritualen um seine Seele bemüht. Für Ana jedoch ist sie wie der Tod in Person, ein wandelnder Teufel im schwarzen Gewand, undurchsichtig und nur insofern berechenbar, als dass sie mit völliger Gewissheit die nächste Gelegenheit nutzen würde, sich ihres jungen Körpers zu bemächtigen.
Ebenso kalt und abweisend wie die weiten Flure ist auch Anas Mutter gegenüber ihrer Tochter. Noch wartet man als Zuschauer auf eine Auflösung, sucht in der Übernatürlichkeit nach Logik und Kontinuität. Spätestens aber, als Ana ihre Eltern beim elterlichen Beischlaf erwischt, verflüchtigt sich Amer völlig in wilde Farborgien, gibt sich ganz seinen eindringlichen Klängen hin und wird plötzlich selbst Teil seiner eigenen Bedrohlichkeit.
Als das Spektakel endet, ist Ana herangewachsen. Eine jugendliche Frau, die noch immer unter der Herrschaft und Kälte ihrer Mutter leidet und die ihre Emanzipation von derselben in Bedrohlichkeit und sexueller Begierde kanalisiert. Auch in der dritten Episode, in der wir Ana als erwachsene und eigenständige Frau sehen, besteht diese Verknüpfung von Angst und Erotik in ihr fort. Wie auch in ihrer Adoleszenz sucht sie das Ungewisse, die Gefahr, lässt sich darin fallen, wird panisch, wird erregt. Und erwacht. Wünsche, Träume, Ängste, Realität – nichts lässt sich mehr genau bestimmen, ebenso wie Ana wird der Zuschauer in diesen Sog hineingezogen. Ebenso wie Ana verspürt er die Bedrohung, ergötzt sich an ihr, glaubt ihr zu entkommen und kann sie zugleich weder verstehen noch benennen. Eine schicksalhafte Verbindung in einer bizarren Szenerie. So bedrohlich wie einzigartig.
Amer ist ein visuelles und akustisches Experiment, das die Genreelemente des Giallo auf ihren Kern reduziert und in eine surreale, bisweilen übernatürliche Form gießt. Die Erzählung bildet dem kontinuierlichen Spannungsaufbau lediglich eine Stütze. Weder gibt es klare Anfangs- noch Endpunkte der Episoden, auch wenn sie immer wieder auf eine atemberaubende Klimax hinauslaufen. Klare Antworten auf ein mögliches „Warum?“ gibt es allerdings nicht. Das kausale Fundament von Amer ist vielmehr die psychologische Diagnose von Ana, die der Zuschauer während des Films immer wieder für sich selbst stellen muss. Denn Ana bewegt sich nur selten in der Realität, ebenso wenig wie Amer insgesamt. Das nervenzerrende Sounddesign – nie war knarzendes Leder furchteinflößender – und die Bilder, die häufig ins grobkörnige oder monochrome wechseln, und schließlich die höchst subjektive Kamera, mit ihren vielen extremen Close-Ups, unterstützen die beständige psychische Extremlage von Ana: Klaustrophobie, Paranoia, Wahnvorstellung. Bis sich die bloße Fantasie zu einem bedrohlichen Slasher entwickelt. Und wieder: vollkommene Ästhetisierung, vollkommene Stilisierung – Schnitte, direkt in der Magengrube des Zuschauers.
Die Suche nach Logik bleibt vergebens. Warum? Wer? Wie? – Völlig Belanglos.
Freunde des Genres sind sich dennoch uneins, ob Cattet und Forzani mit Amer ein empfehlenswertes Ergebnis gelungen ist. Hommage, Neo-Giallo oder gar Meta-Giallo? Letzteres mag wohl noch am ehesten zutreffen. Die beiden Filmemacher selbst wollen Amer jedoch nicht als Hommage verstanden wissen. Vielmehr waren sie an der visuellen Essenz des Giallo interessiert und begreifen Amer als eine neue, subjektive und spielerische Aneignung des Genres.
Wer eine Wiedergeburt, eine Erneuerung oder einen modernen Vertreter des Giallo erwartet, der könnte enttäuscht werden, denn trotz zahlreicher Verweise von Split-Screen bis zum originalen 70s-Soundtrack von Stelvio Cipriani, Ennio Morricone und Bruno Nicolai ist Amer selbst kein Genrefilm geworden, auch wenn er sich in seinem Kern als bizarrer und zumeist höchst sexualisierter Thriller beschreiben ließe. Der ganzen Schönheit von Amer würde das jedoch in keinem Fall gerecht.
Sascha Schmidt
AMER – Hélène Cattet & Bruno Forzani, Frankreich / Belgien 2009, 90 min, imdb-Eintrag.
